Oft fühlen Tinnituspatienten sich ausgegrenzt. © Fotolia

Leben mit Tinnitus

Mehr als 11 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Tinnitus. Hier erzählen einige von ihnen ihre Geschichte: wie es dazu kam und wie sie seither mit dem Tinnitus leben.

"Das Fiepen ist nicht mehr der Feind."

Ingrid Herrmann* ist 35 Jahre alt. Den Tinnitus hat sie 2005 durch Pfeiffer’sches Drüsenfieber bekommen. Die Hausärztin hatte zu spät reagiert, und als Frau Herrmann zur HNO-Ärztin geschickt wurde, bekam sie den Rat: "Sie müssen sich daran gewöhnen!"

Später wurde dann eine Innenohrschwerhörigkeit entdeckt, die endlich erklärte, warum sie bereits als Kind so viele Lern- und Sprachprobleme hatte. Den Tinnitus hat sie seit etwa vier Jahren „gut im Griff“: „Das Fiepen ist nicht mehr der Feind wie früher. Ich sehe jetzt stattdessen einen Menschen im Ohr sitzen: Er sitzt da mit seiner Trompete und lacht ganz freundlich.“

Die Erfahrung, dass Menschen sich abwenden, hat auch sie gemacht. Aber andere sind inzwischen da, die akzeptieren, „wenn ich mich mal zurückziehe, mal schlechte Laune habe  oder traurig bin.“ Und entscheidend ist die Unterstützung durch den Ehepartner: „Mein Mann hat Mitgefühl, aber er versteht mich auch!“

Vor sieben Monaten kam ihr Sohn zur Welt. Während der Schwangerschaft setzte plötzlich zusätzlich zum Tinnitus noch ein tiefer Ton ein – „ein Brummen, als ob das Trommelfell vibriert.“ Frau Herrmann berichtet von Schweißausbrüchen und Angstattacken. Dieser Brummton überdeckt den Tinnitus-Fiepton. Die Ärzte haben ihr Hoffnung gemacht, dass der Ton wieder verschwindet.

"Tinnitus gehört zu meinem Leben."

Max Müller* war 15, als er mit dem Kopf gegen eine Mauer prallte und bewusstlos liegen blieb – Sportunfall.

Dass er in den folgenden Wochen und Monaten „immer so einen Ton hört, der nicht weg geht, selbst beim Schlafen nicht“, erzählte er seiner Mutter erst später. Ein zu Rate gezogener HNO-Arzt konnte jedoch nicht helfen. Dabei war der Ton im ersten Jahr „besonders schlimm“, zeitweise sogar so massiv, dass es bei Max zu schweren Depressionen kam.

Zum Glück hatte seine Mutter schon von Tinnitus gehört. Also schickte sie ihren Sohn erneut zur Behandlung, und ihr Verdacht wurde bestätigt – mehrere Haarsinneszellen im Ohr waren irreparabel beschädigt.

Heute spielt Max Gitarre in seiner eigenen Band. Zwar verstärken sich die Tinnitus-Schübe nach Konzerten häufig. Aber um diesen Effekt abzuschwächen, trägt er vom Hörakustiker individuell angepasste Ohrschutzstöpsel. Viele haben geraten, dass er die Musik aufgeben soll. Aber das möchte er nicht und die Mutter will ihm diese Freude auch nicht nehmen: „Das gehört doch zu seinem Leben.“ Immer wieder kommt es vor, dass Max nachts nicht schlafen kann, weil dann der Tinnitus besonders präsent ist. Auch zur Schulzeit und wenn Probleme auftauchen, nimmt er den Tinnitus stärker wahr.

Mittlerweile hat sich Max jedoch an seinen Tinnitus gewöhnt und kann sogar ganz gut mit ihm leben. Nur wenn er auf die Ohrgeräusche angesprochen wird, ärgert ihn das: „Frag mich doch nicht immer danach“, antwortet er dann, „denn sonst denke ich gleich wieder daran!“

"Jeder hat seinen Tinnitus. Und jede Geschichte ist anders."

Frau Müller* war schon immer sehr aktiv. Das hängt wahrscheinlich auch mit ihrem Beruf zusammen: Als Sozialpädagogin und Erzieherin hatte sie ein Kinderheim geleitet und später ein Pilotprojekt an einer Grundschule etabliert. Obwohl sie bereits seit zwei Jahren pensioniert ist, arbeitet sie noch immer zwei Tage in der Schule. Das macht ihr viel Freude.

Vor mehr als zwanzig Jahren bekam sie Probleme mit den Ohren. Dann war plötzlich der Tinnitus da – und er blieb. „Der Sirenenton hat mich wirklich fertig gemacht.“ Sie probierte alles Mögliche aus, um den Tinnitus zu bekämpfen. Besonders hilfreich waren ihr eine Psychotherapie sowie mehrwöchige Kuren, in denen sie die Tinnitus-Retraining-Therapie kennenlernte. „Es war wichtig für mich, runterzukommen.“ Ärzte empfahlen ihr zudem die Deutsche Tinnitus-Liga, um sich mit anderen Menschen über Tinnitus auszutauschen. Was sie hier lernte, war: „Jeder hat seinen Tinnitus. Und jede Geschichte ist anders.“

Heute nutzt Frau Müller ein Hörgerät sowie einen Rauscher. Ihr Tinnitus hat etwas abgenommen. „Aber meinen Frieden habe ich mit dem Tinnitus noch nicht gefunden. Im Laufe der Jahre habe ich alle möglichen Tinnitus-Geräusche erlebt: heulende Sirenentöne, tiefes Brummen und Rauschen sind immer da.“ Trotzdem mag sie es nicht, wenn man sie bemitleidet. Zum Glück geschieht das nicht so häufig, denn viele bewundern, wie sie mit dem Tinnitus umgeht.

„Prävention“ ist für Frau Müller besonders wichtig. Daher spricht sie oft mit ihren Schülern über Tinnitus. Sinnvoll fände sie eine Unterrichtseinheit zum Thema „Hören und Gehörschutz“. Vielleicht ein weiteres Pilotprojekt, das Frau Müller an ihrer Schule etablieren kann?

"Die Töne sind inzwischen die kleinen Schwestern im Ohr."

Bei der Erzieherin Anne Gunnerson* begann die Tinnitus-Geschichte mit einem Hörsturz vor fünfzehn Jahren.

Betroffen gemacht hat sie, dass ihr Leiden lange nicht ernst genommen wurde – weder von den Medizinern noch von der eigenen Familie. Zum Glück traf sie jedoch auf eine HNO-Ärztin, die ihren Tinnitus diagnostizierte und sie an eine psychosomatische Klinik überwies. Leider musste ihr dann später erklärt werden, dass ihr Tinnitus chronisch sei und sie ihn wohl nicht mehr los werde. Doch die Fachärzte konnten ihr auch Hoffnung machen, dass sie lernen könne, das dauerhafte Pfeifen zu überhören. Diese Aussicht verlieh ihr neue Kräfte: „Ich versuchte, mich nicht weiter zu isolieren, sondern ging wieder auf andere zu. Ich wurde zur ‚Vorzeigepatientin‘.“ Zu dieser Zeit fing sie auch an, sich in der Deutschen Tinnitus-Liga zu engagieren und Selbsthilfegruppen zu besuchen. Andere Menschen kennenzulernen, die genau wie sie an Tinnitus leiden, hat ihr sehr geholfen. „Wer nicht selbst erkrankt ist, kann sich gar nicht vorstellen, was es heißt, einen Tinnitus zu haben. Doch hier in der Gruppe teilen alle diese leidvolle Erfahrung; und deshalb können wir uns auch gegenseitig so gut unterstützen.“

Zusätzlich zum Tinnitus leidet Anne Gunnerson noch an Hyperakusis. Diese Krankheit äußert sich darin, dass Betroffene besonders empfindlich auf Geräusche reagieren. Lärm empfindet sie deshalb als besonders störend. Ihren Beruf als Erzieherin konnte sie deswegen nicht weiter ausüben. Stattdessen entschied sie sich für eine Umschulung und arbeitet seitdem in einem Beruf, in dem es weniger stressig und lautstark zugeht. „Die Töne sind inzwischen die kleinen Schwestern im Ohr, am Tag überhöre ich sie, nur wenn Stress kommt, ist der Tinnitus sofort wieder da.“

Frau Gunnerson möchte anderen Tinnitus-Patienten Mut machen. Sie hat es geschafft zu lernen, mit dem Tinnitus zu leben. Ihr Motto lautet: „Nicht der Tinnitus bestimmt mein Leben, sondern ich bestimme meinen Tinnitus.“

"Das innere Lächeln zu erlernen."

Jochen Schmidt* leidet seit zwölf Jahren an Tinnitus. Erschwerend kommt hinzu, dass bei ihm auch noch ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) diagnostiziert wurde. Somit muss er nicht nur mit „nervtötenden Ohrgeräuschen“,  sondern auch mit der Tatsache leben, dass er sich oft auf nichts richtig konzentrieren kann.

Die Folgen sind gravierend: Jochen Schmidt ist seit mittlerweile drei Jahren krankgeschrieben. Seiner Arbeit kann er nicht mehr nachgehen; und bisweilen wird er von schweren Depressionen, die bis zu Suizidgedanken reichen, heimgesucht. Der Tinnitus macht ihn immer wieder wütend – angesichts seiner Wehrlosigkeit und infolge des Schmerzes.

Eine Zäsur war die Geburt seines Kindes. Das gab ihm neue Kraft, eine eigene Taktik gegen Tinnitus zu entwickeln. Sein Ziel ist es, das „innere Lächeln“ zu erlernen. Stundenlange Meditations- und körperliche Entspannungsübungen helfen ihm dabei: „Ein klarer friedlicher Geist ist wichtig. Dies ist meine Taktik gegen Tinnitus.“

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert