Was haben Stress und die Gesundheit unseres Gehörs miteinander zu tun?

Immer mehr Menschen stehen in ihrem Schul-, Ausbildungs- oder Berufsalltag unter Stress, können nicht mehr richtig lernen oder ihre Arbeit nur noch unter großem psychophysischen Aufwand bewältigen. Was viele nicht wissen oder wahrhaben wollen: Stress wirkt sich auch auf die Ohrengesundheit aus. Denn die verstärkte Ausschüttung des Stresshormons Kortisol kann zu Schädigungen im auditorischen System und damit zu Tinnitus führen. Aus diesem Grund setzte sich die Deutsche Tinnitus-Stiftung Charité bereits seit Jahren für die Förderung der Forschung rund um das Thema "Tinnitus und Stress" ein.

Fokus: Forschung

Aktuelle tierexperimentelle Studienergebnisse, unter anderem auch eines von der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité geförderten Forschungsprojektes, über die Wechselwirkung von Tinnitus und Stress zeigen, dass mitochondriale Dysfunktionen - also Funktionsstörungen in den "Kraftwerken" der Zellen - zu Energieverlust, Erschöpfungs- und Stresszuständen sowie Tinnitus führen können. Die Wissenschaftler vermuten ferner, dass Dauer und Intensität von stressbedingten Hörstörungen und Veränderungen im auditorischen System vom Genotyp der Tiere abhängen könnten, für die dann in der Folge besondere Präventivmaßnahmen entwickelt werden müssten. Weitere Untersuchungen folgen.

Diagnose und Behandlungsstrategien

Der auditorische Charakter des Tinnitus veranlasst die Betroffenen erstmal, Hilfe bei HNO-Ärzten zu suchen. Hier ist es das erste Ziel der Behandler, die Ursache des Tinnitus zu bestimmen und seine audiologischen Eigenschaften zu messen. Das zweite Ziel ist es, die tinnitusinduzierte Belastung einzuschätzen, den Schweregrad zu bewerten und dann weiterführende Therapien einzuleiten.

Kostenintensiven medizinischen Interventionen vorbeugen

Aktuelle Studien zeigen, dass Stress, Angst und Depression die häufigsten und kostenintensivsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit sind: Demnach leiden 42% der berufstätigen Erwachsenen an Depressionen und 40% an Angststörungen, während nur 8% keine psychischen Beschwerden haben. Alarmierend ist auch, dass Betroffene krankheitsbedingt 1,8 Mal häufiger ausfallen, als nicht Betroffene - dadurch entstehen Unternehmen durch krankheitsbedingte Ausfälle jährliche Verluste in Milliardenhöhe.

Unternehmen, aber auch Schulen, Universitäten und Ausbildungseinrichtungen sind aufgefordert, Stress präventiv entgegenzuwirken - um ihre Schülerinnen und Schüler bzw. ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Inzwischen gibt es "Return-to-work"-Programme, die Betroffenen helfen, schneller wieder arbeitsfähig zu werden. Welche Auswirkungen Tinnitus auf die Lebensqualität und das Leistungsvermögen jedes Einzelnen haben kann, zeigen ausgewählte Interviews, die wir auf unserer Website veröffentlicht haben. Für Härtefälle gilt: Ca. 3-5% der arbeitsunfähigen Patienten sind nach einer verhaltenstherapeutischen Intervention (vergleichbar mit 25 Sitzungen Intensivtherapie) nicht mehr arbeitsunfähig. Damit würden sich langristig gesehen auch die Kosten für krankheitsbedingte Ausfälle reduzieren lassen.

 

 

Quellen:

  • Szczepek, Agnieszka, Prof. Dr. Mazurek, Birgit (2017): Tinnitus and Stress, An Interdisciplinary Companion for Healthcare Professionals, Springer International Publishing (Verlag)
  • Clark, D. M. (2011). Implementing NICE guidelines for the psychological treatment of depression and anxiety disorders: the IAPT experience. International review of psychiatry, 23(4), 318-327
  • Layard R., Clark D.M., Knapp M., Mayraz G. Cost-benefit analysis of psychological therapy. National Institute Economic Review. 2007; 202:90-98
  • Bhatt, J. M., Bhattacharyya, N., & Lin, H. W. (2017). Relationships between tinnitus and the prevalence of anxiety and depression. The Laryngoscope, 127(2), 466-469.
  • Wesson, M., & Gould, M. (2010). Can a 'return-to-work'-agenda fit within the theory and practice of CBT for depression and anxiety disorders? The Cognitive Behaviour Therapist, 3(1), 27-42.
  • Chiles, J. A., Lambert, M. J., & Hatch, A. L. (1999). The impact of psychological interventions on medical cost offset: A meta‐analytic review. Clinical Psychology: Science and Practice, 6(2), 204-220. in: Layard, R. (2015). A New Priority for Mental Health. London: London School of Economics.